Wiederholen mit Taskcards – gemeinsame Abiturvorbereitung in einer Kultur der Digitalität
Früher haben meine Abiturkurse Referate füreinander gehalten, dabei Lernzettel präsentiert und anschließend miteinander geteilt. Heute arbeiten sie referentiell, gemeinschaftlich und mit Hilfe von Algorithmen – und sind damit ein Stück weit in der Kultur der Digitalität angekommen.
Gemeinsam Wiederholen mit Taskcards
Damit alle Mitglieder meines Kurses sich einbringen, erstelle ich zu Beginn des vierten Halbjahres eine Übersicht über die erwarteten Kompetenzen und verweise auf das Curriculum sowie die Hinweise für das Zentralabitur (Beispiel 2025: Abitur Deutsch in Niedersachsen). Die Schüler:innen sortieren sich dann zu den Themen, die sie interessieren, gut oder weniger gut können etc. So entstehen mit etwas Moderation einerseits arbeitsfähige Gruppen, andererseits ist die Arbeit einigermaßen gleich verteilt.
Dann erstellen die Schüler:innen je nach Absprache und Neigung Lernzettel, PodCasts oder Erklärvideos, je nachdem, was im Kurs kultiviert wurde und als lernwirksam erachtet wurde. Außerdem machen sich die Kurs immer wieder die Taskcards zu eigen und gestalten diese entsprechend:
Beispiel aus dem Abitur in Deutsch 2022.
Lernen als Weg in die Kultur der Digitalität
Da ich im Kurs immer auch kollaborativ und medienproduktiv arbeite (mehr dazu hier), ergeben sich Teile des Taskcards mittlerweile aus dem Kursverlauf. Mein Kurs hat letztes Jahr beispielsweise einen PodCast zum Rahmenthema 3 („Krise und Erneuerung des Erzählens“) gemacht, hier können die Ergebnisse einfach verlinkt werden. So nutzen die Schüler:innen Referentialität, die erste Säule einer Kultur der Digitalität nach Stalder.
Auch die zweite Säule, die Gemeinschaftlichkeit, kommt hier zum Tragen, da sich das gemeinsame Lernen hier immer wieder verselbstständigt – aus dem gemeinsamen Ziel heraus, das Abitur zu schaffen. So arbeiten Schüler:innen gerne an der gemeinsamen Gestaltung (siehe Farbwahl und Struktur im Beispiel oben), aber auch darüber hinaus zusammen: Ich erstelle für die Lernenden immer am Kursende eine Kopie des Taskcards, in der sie weiter zusammen arbeiten können. Im ersten Taskcard unterstütze ich und weise auf falsche Inhalte hin, bin quasi der Faktenchecker. Hier ändere ich das Bearbeitungsrecht mit dem Kursende auf das Leserecht. Dann fällt ihnen diese Rolle der Faktencheckenden im unbegleiteten Taskcard (=Kopie) zu. Das wird nicht immer genutzt, aber akzentuiert immer den Übergang aus meiner (Fakten)Obhut in die (Fakten)Freiheit.
Die dritte Säule der Algorithmizität kommt nur teilweise zum Tragen, da die Schüler:innen natürlich über die Kursinhalte hinaus im Netz nach weiteren Materialien suchen und diese im Rahmen des Kuratierens im Taskcard teilen.
So sind die Schüler:innen erkennbar auf dem Weg in eine Kultur der Digitalität – auch wenn ich da gerne weiter vorankommen wollte.
Für mehr Leistung ohne Normalverteilung – Anmerkungen zur Bewertung
Da die Schüler:innen gemeinsam an diesem Projekt „Wiederholung“ arbeiten, kann ich dieses auch als Teilleistung bewerten. Dadurch zeigen sich spannende Effekte:
- Immer wieder habe ich nahezu ausnahmslos sehr gute Ergebnisse – vor allem, wenn sich ein Sog im Kurs ergibt, sodass alle an einem Strang ziehen. An dieser Stelle ist es dann möglich, sehr gute Noten für alle zu erteilen, was in der Aufmerksamkeitsökonomie des Unterrichtsgespräches nie möglich ist.
- Aber starke Schüler:innen ruhen sich bisweilen auf ihren Lorbeeren aus, da sie sich nicht in diesen Sog einfügen, bisweilen sogar Vorbehalte gegen diese gemeinsame Arbeit haben. Hier zeigt sich meines Erachtens immer wieder der antrainierte Konkurrenzdruck.
Ausblick: Taskcard über den Kursverlauf
Spannend ist für mich im nächsten Schritt, das Taskcard über zwei Jahre zu führen; ähnlich wie ich früher Kurse motiviert habe, reihum Protokoll zu schreiben. Allerdings bin ich mir da nicht sicher:
- Das Taskcard in der jetzigen Form ist eine Retrospektive und unterscheidet abiturrelevante Themen von sinnvollen, aber (für die Abiturprüfung) irrelevanten Lernwegen. Inwiefern solch eine Transparenz immer hilfreich ist, lässt mich grübeln.
- Der Sog der Motivation ist stark über 2-3 Monate. Ob dieser sich über 2 Jahre aufrecht erhalten lässt, da bin ich mir nicht sicher.
- Zugleich entsteht die Gemeinschaftlichkeit erst in der Teamleistung mit einem gemeinsamen Ziel.
- Außerdem müsste ich dann sehr konsequent ausgehend von den Curricula und Hinweisen aus anmoderieren. Induktive Abenteuer, sich beispielsweise über Lesejournal- und Portfolioarbeit einer Lektüre zu nähern, würden deduktiven Herangehensweisen zum Opfer fallen, wenn wir immer vom Lernziel aus denken.
Ich glaube, eine zweijährige Arbeit wäre dann sinnvoll, wenn ich in meinen Kursen von Beginn an ein entsprechendes MindSet habe. Aktuell erarbeite ich mir das über zwei Jahre – und erst dann bietet sich diese Form der Wiederholung im Taskcard an.
cc by Niels Winkelmann